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Mittwoch, 09.02.05

Nach Hurrikan Katarina: Journalistischer Sturm im Wasserglas


Bookmark: http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,372407,00.html

Im Appetizer zu seinem Kommentar "Bashing statt Spenden" spricht Claus Christian Malzahn davon, dass das transatlantische Verhältnis auf seinen beschämenden Tiefpunkt zu steuert - schuld daran sei die Reaktion der amtierenden Regierung auf die Folgen des Hurrikans „Katarina".

Nach Lektüre dieser als "Kommentar" getarnten seichten Polemik hat man dann aber doch eher den Eindruck, Zeuge zumindest eines Tiefpunktes geworden zu sein: eines journalistischen Tiefpunktes.

Hier nun die erschütternden Gründe dafür, dass Malzahn gleich die Keule des diplomatischen Vokabulars auspackt und das Transatlantische Verhältnis auf einen beschämenden Tiefpunkt zusteuern sieht:

erstes Argument

Bundeskanzler Schröder hat zwar sein "großes Mitgefühl für das Schicksal der vom Hurrikan betroffenen Menschen" zum Ausdruck gebracht, jedoch den Amerikanern „keine finanziellen Hilfszusagen, null Sofortmaßnahmen" gemacht.

Natürlich wird sich an dieser Stelle der eine oder andere Leser daran erinnern, dass hier von der ökonomischen, politischen und militärischen Supermacht dieses Planeten die Rede ist – und nicht von einem schwächlichen Entwicklungs- oder Schwellenland. Das weiß auch Malzahn, weshalb er eine Argumentation nachschiebt, die man im besten Falle peinlich nennen kann:

Deutsche Hilfsgelder an amerikanische Hilfsorganisationen wären auf der anderen Seite des Atlantiks sicher willkommen. Offenbar glaubt man hierzulande, dass die Amerikaner unser Geld nicht brauchen. Merkwürdig: Dieselben Leute, die sonst immer die neue Armut, die Ghettos und die Slums in den USA beweinen, wenn sie die Vereinigten Staaten als gnadenlosen

Monsterkapitalistenstaat beschreiben, sind jetzt, wo Hilfe wirklich gefragt ist, ganz still.

Warum ist diese Aussage so peinlich?

Arme Menschen, Ghettos und Slums gibt es an vielen Orten auf dieser Welt. Beklagenswert ist dies allemal und allerorten. Eine ganz besondere Brisanz haben Armut, Ghettos uns Slums aber in Gesellschaften, in denen sie trotz enormer Wirtschaftskraft und Prosperität zu finden sind. Dies ist (natürlich nicht nur!) in den USA der Fall. Diesen Zustand mag man kritisieren oder auch nicht - aber leitet sich aus einer solchen Gesellschaftskritik eine irgendwie nachvollziehbare Verpflichtung zur finanziellen Hilfe für die USA ab, wenn zur gleichen Zeit (!) andere sehr arme Staaten von Naturkatastrophen heimgesucht werden, die für diese Staaten wesentlich problematischer zu bewältigen sind, als dies für die USA der Fall ist? Ich denke hierbei etwa an Rumänien oder die Staaten der Sahelzone...

Wann und wo hat Malzahn auf diese Katastrophen hinge- wiesen? Wann und wo hat er im Zusammenhang mit den jüngsten Naturkatastrophen in Rumänien, Niger usw. dazu aufgefordert, zu spenden um zu helfen?

Gerade angesichts des nichts-tun im Falle dieser dramatisch armen Staaten stellt dieses Einklagen von Hilfsgeldern für eines der reichsten Länder dieser Welt eine bemerkenswerte Peinlichkeit dar. Ohne den Opfern des Hurrikans „Katarina" zu nahe treten zu wollen – ihnen gilt meine Anteilnahme nicht weniger als den Opfern anderer Naturkatastrophen – aber jeder Euro an Hilfsgeldern, der in die USA fließt und nicht in bitterarme Länder, wäre meiner Meinung nach ein Skandal.

Apropos bitterarme Länder: An anderer Stelle hat DER SPIEGEL Politiker und Ökonomen aus Afrika (dort sterben täglich weit mehr Menschen an den Folgen mangelnder Versorgung mit Nahrungsmitteln und Medizin, als US-Amerikaner an den Folgen von „Katarina"!) zu Wort kommen lassen, die Entwicklungshilfe als "Schokolade für Zuckerkranke" bezeichnen und daher fordern: "Streicht diese Hilfen". Warum Spenden kontraproduktiv sein können, wird in einem anderen Artikel wie folgt beschrieben:

In totalitär geführten Staaten, in Ländern, die gegeneinander Krieg führen oder im ständigen Bürgerkrieg existieren, sind Spenden ausgesprochen kontraproduktiv. Sie ermöglichen es der Regierung, die Ressourcen für ihre Waffengänge einzusetzen, während die Bevölkerung von ausländischen Hilfsorganisationen versorgt wird. So werden die Zustände nur zementiert.

Komisch, dass uns damals Malzahns Entrüstung erspart geblieben ist, als dies vom SPIEGEL höchst selbst veröffentlicht wurde. Wenn man aber dieser Argumentation - bei allen Vorbehalten, die man gegen sie sicherlich vorbringen kann – in Bezug auf afrikanische Staaten eine gewissen Plausibilität zugestehen möchte, wie viel mehr müsste diese Argumentation dann gerade auch für die USA gelten: Denn mehr als genug Geld ließe sich im US-Haushalt für die Katastrophenprävention und -hilfe mit Leichtigkeit mobilisieren – aber womöglich auf Kosten der Rüstungsausgaben und Weltraumprojekte, die in den USA erst jüngst wieder neue Rekordhöhen erreicht haben...

zweites Argument

Jürgen Trittin hat die Ereignisse im Süden der USA (wie übrigens auch die Überschwemmungen in Süddeutschland und die bereits zweite "Jahrhundertflut" in Rumänien innerhalb eines! Jahres) dazu genutzt, um in der Frankfurter Rundschau auf die globale Bedeutung einer gemeinsamen Klimapolitik hinzuweisen. Malzahn findet dies skandalös:

Bullshit. Trittins Text ist ein Schlag in das Gesicht aller Opfer. Nehmen wir mal an, der Umweltminister hätte recht, und es gebe den behaupteten Zusammenhang zwischen Treibhauseffekt und Hurrikan Katarina - dann wäre zur Zeit kaum die Stunde, im deutschen Wahlkampf wieder US-Bashing zu betreiben und den Finger nach Washington zu richten.

Zunächst einmal wäre zu sagen, dass Trittin in seinem Artikel betont, man könne keinen eindeutigen Zusammenhang zuwischen dem Treibhauseffekt und einem einzelnen Hurrikan herstellen. Wenn Malzahn wider besseren Wissens dennoch von einem von Trittin „behaupteten Zusammenhang zwischen Treibhauseffekt und Hurrikan Katarina" spricht, dann ist dies genau das journalistische Niveau, dass DER SPIEGEL bisweilen mit der BILD gemein hat.

Darüber hinaus muss man sich aber schon fragen, wann ein Umweltminister denn ein solches Thema in den Medien ansprechen soll, wenn nicht genau jetzt, angesichts solch dramatischer Wetterkapriolen, wie wir sie derzeit in den USA und in Europa erleben. Aber wenn man unbedingt möchte, ja natürlich!, dann kann man es als Häme und Antiamerikanismus interpretieren, wenn ein Grüner gerade jetzt zu Wahlkampfzeiten darauf hinweist, dass

  • der durchschnittliche Amerikaner - bei vergleichbarem Lebensstandard - mehr als doppelt so viel CO2 erzeugt, wie der durchschnittliche Europäer
  • die USA bei einem Anteil an der Weltbevölkerung von vier Prozent etwa für ein Viertel der globalen Emissionen von Treibhausgasen verantwortlich sind
  • und die Regierung Bush dennoch internationale Klimaschutzziele mit der Begründung ablehnt, sie schadeten der amerikanischen Volkswirtschaft.

Trotz seines unbedingten Willens zur Polemik sollte auch ein Herr Malzahn bedenken, dass es sich bei Klimakatastrophen in Folge der Globalen Erwärmung um kein US-amerikanisches Problem handelt. Auch in Lateinamerika, auch in Osteuropa starben Menschen in Folge schwerer Unwetter. Was aber das wichtigste ist: In der Wissenschaft mehren sich die Indizien dafür, dass in Zukunft noch wesentlich mehr Menschen zuschaden kommen werden. Und je weniger wir jetzt bereit sind umzudenken und gemeinsam zu handeln, desto mehr Menschen werden es in Zukunft womöglich sein, die zuschaden kommen. Man kann Trittins Artikel also zwar getrost unter "Wahlkampf" verbuchen (wie übrigens die Aussagen aller Politiker so kurz vor der Wahl). Den Artikel jedoch alleine darauf reduzieren zu wollen stellt ein Schlag ins Gesicht aller zukünftiger Opfer klimabedingter Katastrophen dar.

Kommen wir aber noch mal auf die von Trittin angeführten Zahlen zurück. Was bedeuten diese Zahlen eigentlich (abgesehen davon, dass der Zeitpunkt ihrer Erwähnung politisch nicht korrekt gewesen zu sein scheint)?

Sie sprechen doch letztlich davon, dass überall auf der Welt Menschen für die Folgen des Klimawandels bezahlen: Sehr häufig in Form höherer Versicherungskosten, seltener – aber vermutlich immer öfter - in Form des Verlustes von Hab & Gut, Leib & Leben...

Sie bedeuten aber auch, dass zwar viele (auch zukünftige Generationen) für die Folgen bezahlen müssen, jedoch manche mehr und manche weniger zu den Ursachen beitragen. Letztlich hat es überhaupt nichts mit Antiamerikanismus zu tun, sondern nur mit einem bisschen gesundem Menschenverstand und einem letzten Rest von Redlichkeit, wenn man feststellt, dass der Rest der Welt einen erheblichen Teil der Rechnung für den "american way of life" bezahlen muss (was aber nicht heißen soll, dass wir Europäer nicht unsererseits erheblichen Handlungsbedarf hätten!!). Die Haltung der derzeitigen US-amerikanischen Regierung macht die Sache nicht gerade besser. Und es ist abzusehen, dass in Zukunft angesichts immer schlimmerer Schäden immer mehr Finger anklagend gegen diese US-Regierung gerichtet werden.

drittes Argument

Einen eklatanten Bruch in seiner Argumentation stellt dann aber folgendes Argument dar, das Malzahn ausschließlich gegen Trittin zu richten scheint:

Viele halten die Bekämpfung von Aids, Hunger, Malaria auf der globalen

Prioritätenliste für wesentlich wichtiger als die Verringerung des CO2-Ausstoßes, und diese Leute, die das im vergangenen Jahr in einer Erklärung namens "Kopenhagener Konsens" deutlich gemacht haben, stehen
wirklich nicht auf der Payroll der texanischen Ölindustrie.

Aber gerade angesichts des moralischen Zeigefingers, den Malzahn sonst mit heiligem Ernst wild durch den Artikel schwenkt, stellt diese Aussage die schallendste Ohrfeige dar, die man Menschen verpassen kann, die gerade ein Unglück erlitten haben: Ach, ihr Armen! Wisst ihr was? Im globalen Maßstab rangiert das, was euch widerfahren ist allenfalls im Mittelfeld der Katastrophen-Hitliste – es gibt nun mal wesentlich schlimmeres und dringenderes, um das sich die Politik kümmern sollte. Will heißen: Herr Trittin, bitte drücken sie ihr tiefes Mitgefühl aus, schieben sie ein wenig Kohle rüber und kümmern sie sich dann gefälligst wieder um die wichtigen politischen Probleme dieser Welt.

Lieber Herr Malzahn, man sollte ihnen ihr unsägliches Geschreibsel zukünftig nach jedem so genannten "Jahrhundertsturm", nach jeder "Jahrhundertdürre" und nach jeder "Jahrhundertflut" (und davon werden Sie noch mehr als genug erleben dürfen...) unter die Nase halten. Vielleicht würde ihnen irgendwann klar werden wie unglaublich zynisch und borniert, wie unglaublich Menschenverachtend Sie manchmal daherschreiben. Und das nur wegen eines Linsengerichts – nur um einem Politiker (der sich dafür zugegebener Maßen immer wieder anbietet) so richtig in die Pfanne zu hauen.

viertes Argument

Jetzt geht es um Mitgefühl mit den Menschen im Süden der USA, die von einem Jahrhundertsturm gestraft wurden. Für den können sie nichts. Die Deutschen konnten allerdings eine Menge für den Zweiten Weltkrieg - trotzdem regnete es anschließend Care-Pakete aus den USA. Trittins Besserwisserei ist deshalb nicht nur geschmacklos - sie ist auch geschichtsvergessen.

Dieser Vergleich, ans Ende des "Kommentars" hingepappt, steht so überhaupt nicht in irgendeinem sachlichen Zusammenhang mit dem, um was es eigentlich geht, dass er bestenfalls wie der traurige Versuch einer moralischen Pointe wirkt, die alle vorherigen argumentativen Seichtigkeiten vergessen machen soll. Letztlich zeugt der Vergleich aber vor allem von dem intellektuell geistlosen und stumpfsinnigen Ritual, demzufolge jedem tatsächlichen oder auch nur vermuteten Antiamerikanismus die großen Verdienste der USA am Deutschen Volke entgegengehalten werden.

Möchte man dennoch auf den Vergleich selbst eingehen, so wäre zunächst einmal festzustellen, dass CARE-Pakete vor allem Zeugnis zivilgesellschaftlicher und weniger staatlicher Hilfsleistungen darstellten, weshalb ein solcher Vergleich sich eigentlich eher an die deutsche Gesellschaft und weniger an die deutsche Regierung richten würde, deren Ziel Malzahns mitleidserheischender Versuch einer Polemik aber ist. Man kann sich also des Eindrucks nicht erwehren, dass da einer mit der falschen Munition schießt und auch noch den Falschen damit trifft. Blöd...

Ignoriert man großzügiger Weise auch dies, dann kommt einem dieser Vergleich aber alleine schon wegen des eklatanten Unterschieds zwischen dem prosperierenden Nachrkriegs-Amerika und den völlig ausgezehrten mitteleuropäischen Trümmergesellschaften immer noch reichlich unpassend vor. Denn ihre heutige Entsprechung fänden CARE-Pakete wohl eher in der zivilgesellschaftlichen Hilfe für Katastrophenopfer in sehr armen Gesellschaften, die ihrerseits nicht über ausreichende Möglichkeiten zur Selbsthilfe verfügen (siehe dazu oben).

Man muss also kein enthusiastischer Grüner sein, um über die diagnostizierte Geschmacklosigkeit und Geschichtsvergessen- heit verwundert zu sein. Wie sieht es aber mit dem Vorwurf der Besserwisserei aus? Nun, zumindest befindet sich "Onkel Jürgen" mit seiner Besserwisserei in guter Gesellschaft: So kam vor einiger Zeit eine Studie des Pentagon (dem nicht mal ein keifernder Malzahn Antiamerikanismus unterstellen kann – obwohl im ja eigentlich fast alles zuzutrauen ist) an die Öffentlichkeit, der zufolge künftig vom Klimawandel eine wesentlich größere Bedrohung für die nationale Sicherheit der USA ausgehen könnte, als vom internationalen Terrorismus.

Links

USA

Viele Menschen in sehr viel ärmeren Staaten leiden derzeit ebenfalls unter den Folgen von Umweltkatastrophen:

Rumänien

  • Die große Flut in Rumänien: Unbeobachtet von der Öffentlichkeit spielt sich seit Tagen in Rumänien eine Naturkatastrophe ab. Erst jetzt wird deutlich, welches Ausmaß der Zerstörung die Fluten dort angerichtet haben.

Disklaimer

Der Autor gehört keiner politischen Partei an und ist mit Trittin weder verwand noch verschwägert, noch in irgend einer Art und Weise diesem freundschaftlich oder geschäftlich zugetan...


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19.12.09 19:51 Uhr - Cletis_Tout

Schön geschrieben! Recht hast du... Da sieht man, dass man mitt ein bisschen Rhetorik und... » weiter


26.01.08 20:00 Uhr - Eissler

Ob in der Blogsphäre mit zu viel Selbstreferenz diskutiert wird, ist eine interessante Frage. Zum... » weiter


26.01.08 19:56 Uhr - Korrupt

Schoen umgekehrt :) Und nun muss ich aufpassen, dass ich nicht in dieselbe Falle tappe, in der ich... » weiter


24.01.08 02:14 Uhr - Eissler

Kurzer Nachtrag: Im Weblog "Spiegelkritik.de" findet sich auch ein Artikel zu dieser... » weiter


24.01.08 02:10 Uhr - Eissler

Kurzer Nachtrag zu dem Artikel: Im Weblog "Spiegelkritik.de" findet sich auch ein Artikel... » weiter


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