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Freitag, 19.08.05

Löst euch bitte auf!!


Es war der 14. August 2005. Tatort: "Christiansen" – der Polittalk im Ersten. Die anwesenden Damen und Herren aus der Politik hatten bereits ihre erste Salve handelsüblicher Wahl- kampfmunition auf den jeweiligen politischen Gegner abge- feuert. Nun hatte Hans-Ulrich Jörges das Wort, seines Zeichens stellvertretender Chefredakteur des Nachrichtenmagazins Stern. Und auch er leitete mit einem lauten Böller ein:

Ich habe so ein bisschen den Eindruck als habe sich nicht der deutsche Bundestag aufgelöst, sondern die deutsche Politik

Anschließend führte Jörges auch gleich aus, warum er diesen Eindruck hat:

Wir haben sieben Mio. Arbeitslose, die Rentenkassen sind pleite und worüber reden die Parteien? Über die Frage, wie viele Duelle die Spitzenkandidaten führen, wer sich mit wem duelliert, wer Brutto und Netto auseinanderhalten kann usw. Es ist eine endlose Kette von Nebensächlichkeiten und Plattheiten.

Das saß! Alle dort bei Christiansen und zu Hause am Bildschirm wussten: Der Jörges hat recht! Der Medienvertreter hatte nicht nur ganz allgemein die im Wahlkampf befindlichen Politiker bloßgestellt, sondern ganz besonders seine Nebensitzer bei Christiansen.

Ist es aber wirklich so, dass "die deutsche Politik" nur noch Nebensächlichkeiten und Plattheiten absondert? Mit Verlaub, Herr Jörges, das ist ein absoluter Quatsch, der an Dumm- dreistigkeit kaum noch zu überbieten ist! Zugegeben, auch meine Aussage ist starker Tobak. So was schreibt man normalerweise nicht - schon gar nicht, wenn es sich bei dem Kritisierten um einen stellvertretenden Chefredakteur handelt. Aber: das hier ist ja nicht eines der Weichspülprogramme der Mainstream-Medien, hier muss kein Geld verdient werden, hier darf noch laut gedacht, hier dürfen die Dinge noch beim Namen genannt werden. Also, denken wir mal laut nach, nennen wir die Dinge mal beim Namen:

Zunächst einmal: Selbstverständlich erhalten wir - gerade im Internet - eine große Menge an wirklich brauchbaren Informationen von den Parteien und über die Parteien: Da gäbe es beispielsweise die Bundeszentrale für politische Bildung, die den interessierten Einsteiger auch zu den zentralen Wahlthemen informiert; daneben präsentieren aber auch die parteinahen Stiftungen der im Bundestag vertretenen Parteien im Internet ein recht gutes Informationsangebot; nicht zu vergessen die Internetseiten der Parteien selbst, auf denen man u.a. recht ausführliche Wahlprogramme findet. Und dies ist nur die Spitze des „Informationseisberges"! Denn politisch Interessierte wissen: Unter dieser Spitze treibt noch sehr viel interessanteres durch die Weiten des Netzes…

Daraus lassen sich dann aber nur zwei Schlüsse ziehen:

  1. Herr Jörges weiß es halt nicht besser (... in diesem Fall überwiegt dann das "dumm...").
  2. Herr Jörges macht wider besseren Wissens eben das, was gut ankommt. Und am besten ankommen tut das gute alte Politiker-Bashing – die dumpfen Vorurteile und das dumpfe Halbwissen der dumpfen Bevölkerungsmehrheit in Bezug auf „unsere Herren Politiker" bedienen (...in diesem Fall überwiegt wohl das "...dreist").

Aber, aber, wird hier mancher einwenden wollen, Herr Jörges hat doch eigentlich recht: Sobald man die Zeitung aufschlägt, den Fernseher oder das Radio einschält, immer stößt man da derzeit auf eben diese Nebensächlichkeiten und Plattheiten, die Herrn Jörges angeprangert hat.

Nun, diese Aussage aus dem Munde eines stellvertretenden Chefredakteurs ist nicht etwa trotz der Tatsache dummdreist, dass man diese Plattheiten und Nebensächlichkeiten in den Mainstream-Medien findet, sondern vielmehr gerade wegen dieser Tatsache! Denn auf was stürzen sich die Medien? Auf was setzt ein Chefredakteur seine Meute an? Auf die komplexe und anspruchsvolle (und damit zwangsläufig etwas ausführlichere) inhaltliche Aussage, die der Politiker A von sich gibt, oder auf die wahlweise unglaublich peinliche oder unglaublich skandalöse (aber auf jeden Fall platte und nebensächliche) Aussage von Politiker B? Die Sntwort ist klar, denke ich…
Damit ist es in der Tendenz doch so, dass die Medien einerseits nur ein sehr verzerrtes Bild der Politik im Allgemeinen und des Wahlkampfs im Besonderen wiedergeben (vielleicht verwechselt der arme Herr Jörges zunehmend die von ihm mitinszenierte massenmediale Berichterstattung mit der Realität selbst...), und sich andererseits auch der Wahlkampf zunehmend der Logik der Medien unterwirft.
Wie auch immer, Herr Jörges gehört jedenfalls durchaus zu jenen, die dafür verantwortlich sind, dass die Mainstram-Medien durch ihre Berichterstattung den Wahlkampf weitgehend auf Plattheiten und Nebensächlichkeiten reduzieren. Und so einer zeigt nun allen Ernstes mit dem Finger auf die deutsche Politik, und macht diese für diese Plattheiten und Nebensächlichkeiten alleine verantwortlich. Was bitteschön soll das sein, wenn nicht dummdreist?!

Aber natürlich antworten die Herren Chefredakteure, wenn man sie fragen würde, warum ihnen angesichts von 7 Millionen Arbeitslosen vor allem mit Plattheiten und Nebensächlichkeiten aus der Politik traktiert werden: Weil es das ist, was die Leser/ Hörer/ Zuschauer nun mal lesen/ hören/ sehen wollen…
Aha, wenn wir also wohlwollend gegenüber den Herren Jörges dieser Welt sein wollten, dann würden wir unser Urteil etwas abmildern und feststellen, dass sie letztlich genau das selbe machen, was sie den Politikern vorwerfen: Sie berichten (sagen) das, was ihre Kunden (ihre Wähler) gerne hören wollen. Ein Ökonom würde in diesem Fall davon sprechen, dass in unserer Gesellschaft allem Anschein nach die Nachfrage das Angebot bestimmt, wenn es um Wahlkampf und um Medienberichterstattung über selbigen geht. Das hieße: Der Durchschnittsbürger bestimmt das Niveau des Wahlkampfs und der Medienberichterstattung. Oder anders gesagt: Jedes Volk hat die Politiker, den Wahlkampf, die Regierung – aber eben auch die Medien, die es verdient...

Da mag was dran sein. Aber in dem Maße, in dem sich Politik im Allgemeinen und Wahlkampf im Besonderen, sowie auch die Medienberichterstattung darüber, in der Bedienung eines Nachfragemarktes erschöpfen, in dem Maße stellt dies unserer so genannten gesellschaftlichen Elite - den Christiansens, Jörges', Merkels und Schröders unserer Republik - ein erbärmliches Zeugnis aus...

...dann wäre es allerhöchste Zeit, dieser unserer so genannten "Elite" das Misstrauen auszusprechen: Ach, ließe sich dieses unreflektierte elitäre Klüngel doch ebenso einfach auflösen, wie unser Bundestag!


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19.12.09 19:51 Uhr - Cletis_Tout

Schön geschrieben! Recht hast du... Da sieht man, dass man mitt ein bisschen Rhetorik und... » weiter


26.01.08 20:00 Uhr - Eissler

Ob in der Blogsphäre mit zu viel Selbstreferenz diskutiert wird, ist eine interessante Frage. Zum... » weiter


26.01.08 19:56 Uhr - Korrupt

Schoen umgekehrt :) Und nun muss ich aufpassen, dass ich nicht in dieselbe Falle tappe, in der ich... » weiter


24.01.08 02:14 Uhr - Eissler

Kurzer Nachtrag: Im Weblog "Spiegelkritik.de" findet sich auch ein Artikel zu dieser... » weiter


24.01.08 02:10 Uhr - Eissler

Kurzer Nachtrag zu dem Artikel: Im Weblog "Spiegelkritik.de" findet sich auch ein Artikel... » weiter


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