Old media über die Blogsphäre: ein bisschen berichten, ein bisschen diffamieren...
Die Blogsphäre scheint derzeit auf "old media" eine geradezu zwanghafte Faszination auszuüben. Es gibt kaum eine über- regionale Zeitung, die in den letzten Wochen nicht über Social Software, Weblogs, Web 2.0 usw. geschrieben hat. Vorgestern nahm sich nun die Berliner Zeitung dieser Themen an. In dem Artikel "Unter Kontrolle. Die bequemen Zeiten sind vorbei - im Internet überwachen Watchblogs etablierte Medien"[1] ging es dieses Mal um eine ganz besondere Spezies unter den Weblogs - um so genannte "Watchblogs".
Die schaurigen Geschichten über die Blogsphäre
Schreiben Blogger "im Dunkel der Anonymität"?
Im Dunkel der Anonymität tritt der aktive Nutzer gern gegen die Mächtigen diesseits und jenseits der Netzwelt an.
Leider faselt die Autorin Greta Taubert gleich zu Beginn des Artikels etwas vom 'Dunkel der Anonymität' in der Netzwelt und erweckt damit den Eindruck, als ginge es ihr vor allem darum, dümmliche Klischees zu bedienen. Denn mal ehrlich: In der westlichen Welt (und nur um die geht es in ihrem Artikel!) legt doch kaum ein Blogger Wert auf wirkliche Anonymität...
Sollte es am Ende gar so sein, dass da eine Journalistin von der häufigen Verwendung von Pseudonymen in der Blogger-Szene auf den Versuch der Anonymisierung schließt? Nun, das wäre schon lustig...
Kann man in der Blogsphäre ungestraft schreiben was man will?
Nach diesem missglückten Start scheint der Artikel aber besser zu werden, denn zumindest für Otto-Normalleser bietet er dann einigermaßen informatives. Wie gesagt - einigermaßen... Denn zwischendurch kommen dann immer wieder Sätze vor wie dieser:
Mal analytisch, mal polemisch, mal humorvoll, mal wütend - in Watchblogs ist alles erlaubt.
...alles erlaubt?? Aha!?
Blogger wissen nur zu genau, was auch eine Greta Taubert mit ein bisschen gutem Willen und einem Minimum an Recherche hätte wissen müssen: dass nämlich nicht alles erlaubt ist in der Blogsphäre, weil die bloggenden Davids eben nicht anonym schreiben und sich daher nur allzu schnell eine Abmahnung einhandeln, wenn sie einem Goliath ans Bein pinkeln.
Umgekehrt wird ein Schuh draus
wenn 'old media' über die Blogsphäre schreibt, scheint alles erlaubt
Angesichts der so häufig unsachlichen und tendenziösen Berichterstattung vieler Journalisten der "old media" kann man mit einigem Recht die Aussage von Greta Taubert umkehren:
mal analytisch, mal polemisch, mal humorvoll, mal wütend - wenn "old media" über die Blogsphäre schreibt, scheint alles erlaubt.
die Früchte dieser Diffamierung
Wenn auf so unsachliche Weise das Klischee von der anonymen, anarchischen und tendenziell rufmordenden Blogsphäre bedient wird, dann ruft dies unter Bloggern meist nur ein mitleidiges Lächeln hervor. Dabei ist dieses amateurhafte und tendenziöse Treiben vieler Journalisten der "old media" eigentlich in hohem Maße ärgerlich:
Denn beim Otto-Normalleser verfestigt sich durch Berichte wie dem von Greta Taubert das Bild vom bedrohlichen Moloch der anarchischen, krimminellen und rufmordenden Blogsphäre. Und hat sich in seinem Kopf dieses Bild erst einmal festgesetzt, dann erscheinen dem Otto-Normalleser jene Anwälte, die plündernd und marodierend das Internet unsicher machen beinahe wie die Vorkämpfer einer freien und gerechten Sache. In diesem Fall braucht sich dann aber niemand mehr darüber wundern, dass die Politik den Proteststürmen der Netizen relativ gleichgültig gegenüber steht, denn sie weiß ja die große Schar desinformierter Otto-Normalleser hinter sich...
Fußnoten
[1]
Leider ist der Artikel der Berliner Zeitung online nicht mehr unter dem bisherigen Link erreichbar...
26. Januar 2008 von Korrupt
Schoen umgekehrt :) Und nun muss ich aufpassen, dass ich nicht in dieselbe Falle tappe, in der ich manchmal die Blogosphaere sehe, dass da viel Serlbstreferenz diskutiert wird, die an sich eher inzwischen das Thema im, nun, Mainstream sag ich mal, weil mir nichts besseres einfaellt, sein sollte. Da machen sich naemlich viele Leute viele gedanken drueber und das ist ein guter Teil angestrengter blogdiskussionen, und das wird irgendwie nicht wirklich referenziert. Blogger machen sich natuerlich nen Arsch voll gedanken darueber, was Blogs sollen,koennen,leisten und was nicht. Ich meine sogar behaupten zu koennen, dass das einige der Aufspringer aus den traditionellen Medien durchaus begriffen haben. ZDnet beispielsweise ja, und die taz beispielsweise mittel bis sehr mittel und viele andere ueberhaupt nicht.
Aber ums kurz zu machen: ich hielte es fuer wirklich spannend, wenn aus der Ecke mal ein Text kommt darueber, als was sich die^H^H^H viele Blogger verstehen, was dieses Blogdingens soll und einfach mal beschreibt, was die Leute sich so fuer Gedanken machen. Die machen sich naemlich einige, ich mag behaupten, mehr als ich grade. Viele fragen sich gar, ob dieses gedankenmachen ueberhaupt notwendig ist und man nicht statt ueber die Metadiskussionen endlich mal wieder einfach schreiben soll, was einen so rumtreibt.
Die letzten Kommentare
Schön geschrieben! Recht hast du... Da sieht man, dass man mitt ein bisschen Rhetorik und... » weiter
Ob in der Blogsphäre mit zu viel Selbstreferenz diskutiert wird, ist eine interessante Frage. Zum... » weiter
Schoen umgekehrt :) Und nun muss ich aufpassen, dass ich nicht in dieselbe Falle tappe, in der ich... » weiter
Kurzer Nachtrag: Im Weblog "Spiegelkritik.de" findet sich auch ein Artikel zu dieser... » weiter





26. Januar 2008 von Eissler
Ob in der Blogsphäre mit zu viel Selbstreferenz diskutiert wird, ist eine interessante Frage.
Zum einen dürfte es mit zunehmender Popularität von Weblogs und einer steigenden Zahl von Bloggern immer schwieriger werden etwas allgemeines und dennoch sinnvolles über das Selbstverständnis „des Bloggers“ oder über „die Blogsphäre“ zu sagen. Gleichzeitig aber steigt in den klassischen Medien gerade aufgrund dieser zunehmenden Popularität das Interesse daran, über „den Blogger“ oder „die Blogsphäre“ zu schreiben, und dabei genau das zu tun, was immer problematischer wird: Zuspitzen, pauschalisieren, generalisieren, dramatisieren...
Indem nun aber Blogger immer häufiger mit Fremdbeschreibungen in Form von Medienberichten konfrontiert werden, steigt auch das (bei bewußtseinsfähigen Subjekten grundsätzlich immer schon vorhandene) Bedürfnis nach Selbsbeschreibung und Selbstreflektion. Denn mit Fremdbeschreibungen kann sich ein Subjekt nur dann sinnvoll auseinandersetzen, wenn es eine Vorstellung von sich selbst entwickelt, indem es auch Selbstreflektion betreibt. Und je häufiger man mit solchen Fremdbeschreibungen konfrontiert wird, desto häufiger stellt sich die Frage der Eigenwahrnehmung und Selbstbeschreibung.
Kurzum, ich wage mal die Behauptung: Gerade weil Blogger und die Blogsphäre immer mehr Thema der Mainstream-Medien werden, nehmen auch die selbstreferentiellen Aktivitäten innerhalb der Blogsphäre zu. Das eine lässt sich nicht durch das andere ersetzen.
Was ich damit sagen wollte ist, dass die Metadiskussionen vielleicht ein wichtiger Teil dessen ist, was viele so umtreibt – als etwas, das nicht einfach irgendwann mal ausdiskutiert ist, sondern notwendiger Teil des derzeitigen Popularisierungsporzesses der Blogsphäre ist...