Hype 2.0
[Bin vorgestern Abend erst aus Siebenbürgen zurückgekehrt. Daher schiebe ich diesen Beitrag zur Diskussion um die Titelgeschichte des SPIEGELs vom 16.07. etwas verspätet nach...]
Polemik wem Polemik gebührt
Der SPIEGEL bewegte wieder einmal die Blogger-Szene: Kopfschütteln hier, unschlüssiges Schulterzucken dort. Denn die SPIEGEL-Redaktion befand es an der Zeit, seinen Lesern das Thema Web 2.0 in einer Titelgeschichte nahe zu bringen… Diese Titelgeschichte taugt durchaus als Beispiel dafür, dass man bisweilen eher dumm ausschaut, wenn man sich (...mangels eigener Intelligenz?) an der so genannten „Schwarm-Intelligenz“ orientiert, von der ja neuerdings so häufig zu hören ist, wenn „Experten“ über so spannende Dinge wie Web 2.0, Social Software und Social Networks dozieren, dabei aber in Ermangelung vernünftiger Theorien nur hübsche Metaphern absondern.
So mag man es dem SPIEGEL ja noch nachsehen, dass der Inhalt der Titelgeschichte inzwischen nicht mehr ganz so neu und aufregend ist (spannenderes und unterhaltsameres las man schon vor Monaten in der Blogsphäre)[1]. Ein wenig peinlich ist es dagegen bereits, dass der Artikel bisweilen den Eindruck erweckt, als hätten die Autoren ihre Kenntnisse über „das Internet-und-was-es-da-inzwischen-so-
alles-gibt“ vor allem durch die eifrige Lektüre von bereits angestaubten Artikel der Rubrik „Netzwelt“ auf SPIEGELonline und von Telepolis erworben. Sehr peinlich ist es dann aber schließlich, dass diese Autoren das Thema zwar ganz offensichtlich nur mäßig durchdrungen haben[2], dafür der Welt aber in einer umso überheblicheren Schreibe davon verkünden. Da kann man es dann schon verstehen, dass sich beispielsweise Chris darüber ärgern, wenn ausgerechnet Autoren, die für Deutschlands führendes Besserwisser-Blatt schreiben, despektierlich von „Besserwissern“ schreiben, die sich auf Wikipedia „entblößen“. Aber seien wir doch mal ehrlich: Mitleid wäre in diesem Fall doch eher angebracht. Und sei’s nur deshalb, weil da Menschen gerade noch intelligent genug zu sein scheinen, um eine ebenso offensichtliche wie spannende Entwicklung nachzuerzählen, die seit vielen Monaten in der Blogsphäre und seit vielen Wochen in den Printmedien breitgetreten wird – diese Menschen leider aber schon zu beschränkt oder zu ignorant sind, um zu erkennen, dass sie da nicht zuletzt über sich und ihren Arbeitgeber schreiben, wenn sie (nach)erzählen, dass den alten Eliten in der Medienbranche die Macht entgleite; dass gut ausgebildete Medienkonsumenten sich nicht mehr einfach führen ließen...[3] Hätten sie verstanden, was sie da schreiben und gleichzeitig reflektiert, wie sie es schreiben – vermutlich hätten sie’s bleiben lassen.
So, jetzt aber genug der Häme und Polemik. Denn die vielen kleinen inhaltlichen Unzulänglichkeiten und Peinlichkeiten wurden bereits andernblogs zu genüge gewürdigt (Links zu entsprechenden Blogeinträgen finden sich unten). Jetzt jucken noch ein paar ernsthaftere Gedanken in meinen Fingern und wollen geschrieben werden…
Scheitert das „Web 2.0“ am „Hype 2.0“?
Zunächst einmal zu Urchs positivem Fazit
darüber hinaus hat das Sammelsurium aus bekannten Fakten, weit verbreiteten Argumenten und interessanten Details ein Gutes: Das Phänomen "Web 2.0", bislang vor allem von Experten heiß diskutiert und analysiert, ist endgültig im Mainstream angekommen. Und das wird seiner weiterhin dynamischen Entwicklung nicht schaden. Im Gegenteil!
Jetzt frag ich mich natürlich schon, ob „das Phänomen Web 2.0“ im Mainstream angekommen ist, weil endlich der SPIEGEL eine Titelgeschichte darüber geschrieben hat, oder ob nicht vielmehr der SPIEGEL eine Titelstory darüber schreibt, weil „das Phänomen Web 2.0“ längst im Mainstream angekommen ist (da bereits Hinz und Kunz eine Artikelserie zu diesem „Phänomen“ auf die Leserschaft losgelassen hat, geht’s beim SPIEGEL natürlich nicht mehr unter einer Titelgeschichte…).
Wie auch immer… es ist eher der zweite Satz des obigen Zitats, zu dem ich mir so meine Gedanken mache. Nach dem Ende des New-Economy-Hypes in den letzten Jahren konnte sich „das Phänomen Web 2.0“ in aller Ruhe, relativ unaufgeregt und stetig entwickeln, weil sich die SPIEGELs und Financial Times dieser Welt genauso wenig dafür interessiert haben, wie die Risikokapitalgeber und all das, was sich so an zwielichtigen Subjekten in deren Dunstkreis tummelt. Damit wird es nun wohl bald vorbei sein. Denn jetzt werden viele den schnellen Euro mit diesem „Phänomen“ machen wollen – der nächste Hype muss her!
Journalistische Halbstarke künden von der Revolution
...und der Hype kündigt sich bereits an. So zum Beispiel in der Hybris, die da mitschwingt in solchen Sätzen wie
Erst als aus der Kommune die Community wurde, kam es zum Umbruch der herrschenden Verhältnisse.
Denn nüchtern betrachtet sind wir zwar auf einem ebenso guten wie spannenden Weg – mehr aber auch nicht. Da redet und schreibt man sich jetzt schon wieder regelrecht besoffen. Da wird schon wieder sonst was an Hoffnungen und Wünsche in dieses „Phänomen“ reinprojiziert. Fast schon so wie damals Ende der 90er. Zwar würde ich Richie ja vorsichtig zustimmen, was den emanzipatorischen Prozess anbelangt. Aber nun bereits über die „Entmachtung der Herrschaftseliten“ zu mutmaßen... da scheint mir eher der Wunsch der Vater des Gedankens zu sein – und weniger die nüchterne Analyse. Dabei sehe ich unter anderem die Gefahr, dass jetzt so ein bisschen der Eindruck erweckt wird, als würde es die richtige Technik schon richten: Wir haben jetzt Web 2.0, und das tut jetzt zu einem Umbruch der herrschenden Verhältnisse führen. Was die 68er mit ihrem Engagement und ihrem Idealismus nicht geschafft haben in ihren ollen Kommunen, datt jeht nu’ allet von aleene – is’ allet ne Frage der richt’jen Technik, wa’! Herrje! Dabei gibt es doch noch so viele Fronten, an denen harte Konflikte zwischen den unterschiedlichsten Interessengruppen toben. Interessenkonflikte, von deren Ausgang es maßgeblich abhängen wird, was vom „Phänomen Web 2.0“ übrig bleibt bzw. was für ein Gesicht es in Zukunft einmal haben wird:
- So haben die modernen Freibeuter erst im Web 2.0 so richtig gute Bedingungen für ihre Raubzüge gefunden – und drohen damit das Gesicht des Web 2.0 nachhaltig zu prägen;
- außerdem wird die zukünftige Praxis bei der Vergabe von Software-Patente eine wichtige Rolle bei der Frage spielen, wer zukünftig die maßgeblichen Maintainer dieses Phänomens sein werden: Vor allem Konzerne wie Google und Yahoo? ...oder eher eine Vielzahl kleiner innovativer Unternehmen, Freelancer und Hobby-Techies?
- Noch gar nicht denken mag ich in diesem Zusammenhang daran, welche Auswirkungen es für die weitere Entwicklungsrichtung des „Web 2.0“ hätte, wenn der Interessenkonflikt "Recht zur Diskriminierung" vs. "Netzneutralität" zugunsten der Netzanbieter ausgehen sollte...
Angesichts solcher Konfliktlinien schon den Vollzug des Umbruchs gesellschaftlicher Verhältnisse zu vermelden, macht nur deutlich, wie wenig die Autoren die Materie durchdrungen haben, über die sie im Ton journalistischer Halbstarker der Welt kundtun.
Mythen 2.0 im Web 2.0
Wenn man es genau betrachtet, dann muss es einen doch schon wundern, dass man derzeit zwar überall in den Mainstream-Medien vom „Web 2.0“ liest, dem auch überall eine fantastische Zukunft prophezeit wird – jedoch nirgends im Zusammenhang mit diesem „Web 2.0“ die oben skizzierten Konfliktlinien und die Frage thematisiert werden, welchen Einfluss der Ausgang dieser Konflikte auf die weitere Entwicklung dieses sagenhaften „Web 2.0“ haben könnte. Woran liegt das?
Meine provokante These: Es liegt daran, dass (1.) in der Blogsphäre schon länger am Mythos „Social Software/ Social Networks/ Web 2.0 gebastelt wird (ich bekenne mich in dieser Hinsicht gerne schuldig...), was dann (2.) die Mainstream-Medien nur allzugerne aufgreifen und dabei noch bunter und eindrucksvoller ausschmücken ('mit der Web 2.0 Community kam der Umbruch der gesellschaftlichen Verhältnisse' und ähnlich gigantomanisches...), woraufhin dies schließlich (3.) wiederum von Teilen der Blogger, Bookmarker, Broadcaster u.ä. aufgegriffen wird (nach dem Motto: siehste, wenn die schon so was schreiben, dann muss doch was dran sein...), woraufhin es dann wieder bei (1.) weitergeht...
Das erinntert sehr stark an die Utopien und Mythen der Hacker in den 70er und 80er Jahren, die dann in den 90er Jahren von den Mainstream-Medien aufgegriffen und dem Mainstream nahegebracht wurden. Das Ganze gipfelte dann in Äußerungen wie die der Unabhängigkeitserklärung des Cyberspace und in Begriffen wie der "New Economy" (man hätte damals genauso gut von der "Economy 2.0" reden können...). Diese Utopien und Mythen hatten eine enorme Bedeutung als treibende Kraft für die Community (und damit auch durchaus ihre Berechtigung - weshalb ich sie auch nie anders als positiv bewerten würde!). Aber auch damals hatten sich viele irgendwann regelrecht besoffen geredet und geschrieben - siehe Barlow. Der Mythos schien zur Realität geworden zu sein. Man las dann in den Mainstream-Medien nur noch vom neuen Zeitalter, der neuen Ökonomie, und alle dachten: Das Ding ist gelaufen, uns hält keiner mehr auf.
Der Rest ist Geschichte: Eine vielversprechende Entwicklung erstickte irgendwann an der eigenen Hypris, am kindlich-naiven Glauben daran, dass man gerade im Begriff sei, die alte Herrschaftselite hinwegzufegen und die Welt aus ihren Angeln zu heben...
Und wehe uns...!
Es wäre schade, wenn sich das alles wiederholen würde. Wenn wir aus den letzten 15 Jahren nichts gelernt hätten. Es wäre schade um die vielen spannenden Dinge, die derzeit am entstehen sind - schade um ihr enormes emanzipatorisches Potential.
Also immer schön daran denken: Während viele die große Web 2.0 Party feiern, steht die reaktionäre und restaurative Gegenbewegung schon in den Startlöchern. Und wehe uns, wenn die aus den letzten 15 Jahren mehr gelernt haben sollten als wir...!
Links
Fußnoten
[1]
Über Thomas Knüwers Blog bin ich übrigens auf dieses feine Zitat gestoßen:
Bleibt nur eine Frage: Warum nur verstehst Du es immer noch nicht, dass verspätetes Aufspringen auf einen imaginären Zug IMMER mit Abschürfungen im Gleisbett endet?
[2]
So ist es beispielsweise herzallerliebst, wenn etwas von den größten medialen Umbrüchen seit Gutenberg geraunt wird, um dann lediglich die neue Interaktivität als Ursache für diese Umbrüche zu identifizieren. Diese Eindimensionalität und Simplifizierung würde ich ja nicht mal einem Oberstufler beim Referat in der Medien AG durchgehen lassen.
[3]
Peter Turi kleidet es recht fein in Worte:
Der "Spiegel", Flaggschiff der Medienära 1.0, in der Journalisten noch das Monopol als "Billetknipser der Öffentlichkeit" (Tucholsky) hatten, kommt in der aktuellen Titelgeschichte nicht umhin, sich und seiner Zunft einen dramatischen Bedeutungsverlust zu bescheinigen.
…um dann auch gleich mit dem eigenen Artikel zu veranschaulichen, wie und warum das mit dem Bedeutungsverlust passiert, möchte man da nur noch hinzufügen.
24. Januar 2008 von Eissler
Kurzer Nachtrag zu dem Artikel:
Im Weblog "Spiegelkritik.de" findet sich auch ein Artikel zu dieser Titelgeschichte im SPIEGEL.
Die letzten Kommentare
Schön geschrieben! Recht hast du... Da sieht man, dass man mitt ein bisschen Rhetorik und... » weiter
Ob in der Blogsphäre mit zu viel Selbstreferenz diskutiert wird, ist eine interessante Frage. Zum... » weiter
Schoen umgekehrt :) Und nun muss ich aufpassen, dass ich nicht in dieselbe Falle tappe, in der ich... » weiter
Kurzer Nachtrag: Im Weblog "Spiegelkritik.de" findet sich auch ein Artikel zu dieser... » weiter




24. Januar 2008 von Eissler
Kurzer Nachtrag: Im Weblog "Spiegelkritik.de" findet sich auch ein Artikel zu dieser Titelgeschichte im SPIEGEL mit dem schönen Titel "Entblößte Phantasie"