wissen-schaft::Blog


Mittwoch, 19.07.06

Die Unvollkommenheit des Herrn Ö.


Wenn der Hahn kräht auf dem Mist, dann ändert sich das Wetter - oder bleibt wie es ist

Am vorletzten Sonntag kehrte ich mit der Bahn von einem Workshop in Hütten/Thüringen zurück nach Tübingen. Wie immer bei längeren Zugreisen, las ich alle Zeitungen, die das Bordrestaurant der Deutschen Bahn hergab. Darunter auch die „Frankfurter Allemeine Sonntagszeitung“, in der vor allem ein Artikel meine Aufmerksamkeit erregte. Der Titel des Artikels von Claus Tigges lautet: „Warum bin ich nur so irrational? Fitnessbesucher ahnen es: Sie überschätzen ihren Willen und bezahlen zu viel Geld.“[1] Eingeleitet wird der Artikel wie folgt:

Er ist das Ideal klassischer Ökonomen: der "Homo oeconomicus", ein Mensch, der nach der Maximierung seines Nutzens strebt und sich dabei stets rational verhält.

Vielleicht ohne dies zu wollen, macht der Autor hier schon deutlich, dass es in seinem Artikel im Zusammenhang mit dem „Homo Oeconomicus“ nicht um Wissenschaft geht, sondern um „die Idee des idealen Menschen“, um eine Weltanschauung bzw. um eine Ideologie also. Denn andernfalls hätte er vom „Idealtypen“ oder dem „Akteurskonzept“ der klassischen Ökonomie sprechen müssen – und nicht vom „Ideal“ der klassischen Ökonomie.[2]

Und mit dem darauf folgenden Satz macht der Autor dem kundigen Leser dann unmissverständlich klar, dass er keine Ahnung von dem hat, worüber er in diesem Artikel schreibt. Denn nur so ist das Zustandekommen dieses Satzes zu erklären:

Der Homo oeconomicus, so besagt die Theorie, unternimmt nichts, was seinen Präferenzen zuwiderläuft, und trifft seine Entscheidungen in Abwägung der verfügbaren Informationen.

Der Begriff Präferenz bezeichnet den Vorzug oder die Begünstigung einer bestimmten Alternative. Was uns der gute Herr Tigges also allen Ernstes sagen möchte, ist folgendes: Der der Homo oconomicus unternimmt nichts, was der Alternative, der er den Vorzug gibt, zuwiderläuft. Oder einfacher gesagt: Der Homo oeconomicus tut nichts, um das zu verhindern, was er will.

Eine ähnlich banale Allerweltsaussage stellt auch die zweite Satzhälfte dar, derzufolge der Homo oeconomicus seine Entscheidungen in Abwägung der verfügbaren Informationen trifft. Wie unglaublich banal diese Aussage ist, zeigt deren Veranschaulichung anhand eines Beispiels: Wenn ein „Homo oeconomicus“ ein Gebäude verlassen möchte und dabei auf die Schilder „Ausgang“ sowie „Toiletten“ stößt, dann wird er sich in Abwägung dieser Informationen dazu entscheiden, in die Richtung zu laufen, in die das Schild „Ausgang“ weist.

Was Claus Tigges seinen Lesern allen Ernstes als Kernaussage einer wissenschaftlichen Theorie verkaufen möchte, hat also ungefähr das Niveau der folgenden Aussage: „Wenn der Hahn kräht auf dem Mist, dann ändert sich das Wetter - oder bleibt wie es ist.“

Eingeschränkte Rationalität...?

Tigges kommt nun zu der Geschichte, an der sich der ganze Artikel aufhängt: Zwei amerikanische Ökonomen[3] haben anhand dreier Fitnessclubs das Zahlungsverhalten von Fitnessclub- Besuchern ausgewertet. Grundlage der Untersuchung war das folgede Preisangebot der Fitnessclubs für ihre Kunden:

Von den Sportclubs wurden drei verschiedene Zugangsmöglichkeiten (Verträge) angeboten: eine monatliche Mitglied- schaft zum Preis von 70 (Sonderangebot) bis 85 (Normalpreis) Dollar, die sich so lange jeweils um einen Monat verlängert, bis das Mitglied kündigt; eine Jahresmitgliedschaft zum Preis von 850 Dollar (ein Rabatt von 170 Dollar im Vergleich zur Monatsmitgliedschaft), die automatisch ausläuft, falls nicht ausdrücklich verlängert wird; und die Bezahlung je Besuch zum Preis von je 12 Dollar sowie eine Zehnerkarte von 100 Dollar. ?

Die Untersuchung zeigte nun, dass sich die meisten Fitnessstudio- Besucher zwar für den monatlichen Pauschalbetrag von 70-85 Dollar entschieden, aber im Durchschnitt nur 4,3 Mal im Monat ins Fitnessstudio gingen. Damit haben sie über 17 Dollar pro Besuch im Fitnessstudio bezahlt. Konkret bedeutet dies, dass die Fitnessstudio- Besucher viel Geld hätten sparen können, wenn sie sich für eine andere Zahlungsmöglichkeit entschieden hätten. Das wirft natürlich die spannende Frage auf: Warum entschieden sich so viele Menschen für eine Zahlungsmöglichkeit, die unter pekuniären Gesichtspunkten nicht optimal ist?

Natürlich gingen die beiden Ökonomen dieser Frage nach – letztlich aber ohne im Rahmen eines ökonomischen Erklärungsansatzes eine befriedigende Antwort auf diese Frage gefunden zu haben. Die einzige Erklärung, die den beiden Ökonomen plausisbel schien, fasst Tigges wie folgt zusammen:

Unter allen denkbaren Erklärungen scheint [...] die der Selbstüberschätzung am vernünftigsten. Viele Kunden kämen mit (zu) hohen Erwartungen an den Willen zur körperlichen Ertüchtigung und kauften darum eine Monats- oder gar Jahresmitgliedschaft.

...oder beschränkte Ökonomen?

Nun trägt es zwar durchaus zum Erkenntnisfortschritt bei, wenn Sozialwissenschaftler und Ökonomen mit einer gewissen Hartnäckigkeit zu zeigen versuchen, wie Erklärungsmächtig „ihre“ Theorie ist. Um zu wirklichem Erkenntnisfortschritt zu gelangen, ist neben dieser Hartnäckigkeit jedoch auch unbedingt die Bereitschaft erforderlich, die Grenzen der Erklärungsfähigkeit einer Theorie und ihrer Grundannahmen zu reflektieren. Denn überall dort, wo diese Bereitschaft fehlt, operieren Wissenschaftler weniger mit einer „Theorie“, als vielmehr mit einer „Ideologie“ – Ausgangspunkt sind dann nicht mehr „theoretische Grundannahmen“ (wie beispielsweise die eines idealtypischen Akteurskonzeptes), sondern Weltanschauungen bzw. „Ideen, nach deren Verwirklichung man strebt“ (vgl. Fussnote 2).

Letzteres scheint leider bei unseren beiden Ökonomen zuzutreffen, über deren Untersuchung Tigges berichtet[3]. Anders ist nicht zu erklären, wie sie bei ihrer Untersuchung zu dem folgenden Fazit kommen konnten:

Das Verhalten der Konsumenten ist mit normalen Präferenzen und Einschätzungen schwer in Einklang zu bringen.

Nimmt man diese Aussage der beiden Ökonomen ernst, dann gehen sie – bewusst oder unbewusst – letztlich also davon aus, dass die Realität zwar hin und wieder von der (ökonomischen) Theorie abweichen mag, der Fehler dann aber bitteschön in der Realität und nicht etwa in der Theorie zu suchen ist...
Eine solche unreflektierte Ideologisierung genügt natürlich in keinster Weise wissenschaftlichen Mindeststandards!

Der Wunsch nach Wahlfreiheit – unvernünftig?

Am Rand jener Scheibe, die Ökonomen „Erde“ nennen

Wenden wir uns aber trotzdem nochmal der Untersuchung von Vigna und Malmendier und ihrer Schlußfolgerung zu. Zunächst einmal ist es selbstverständlich denkbar (und in vielen Fällen zutreffend), dass die Fitnessstudio-Besucher ihren Trainigsfleiß vor Vertragsabschluß schlicht überschätz haben[4]. Aber es scheint mir doch ziemlich schwach, dann an dieser Stelle einfach abzubrechen, weil das Verhalten der Akteure mit den „normalen Präferenzen“ nicht in Einklang zu bringen sei – ganz nach dem Motto: Wir sind hier am Ende jener Scheibe angekommen, die wir Erde nennen...

Wären die beiden Ökonomen an echtem Erkenntnisgewinn interessiert gewesen, und nicht nur an der Bestätigung ihrer Sicht der Welt, dann hätten sie sich womöglich mit der Frage zu helfen versucht, ob sich nicht auch in anderen Situationen des Alltags ähnliche Verhaltensweisen beobachten lassen. Denn in der Tat begegnet man diesem Verhalten häufiger, als man im ersten Moment vielleicht annimmt:

Willkommen im Universum der ökonomischen Unvernunft – einige Beispiele

  • Eine Bahn Card wird häufig gekauft, ohne dass wirklich klar ist, ob sie sich wirklich rechnet (die wenigsten, die sich zum Kauf einer Bahn Card entscheiden, können ernsthaft vorhersagen, wie oft sie im nächsten Jahr mit dem Zug reisen werden);
  • viele wissen weder genau, wie das Wetter im kommenden Sommer wird, noch wissen sie, ob sie gerade dann Zeit & Lust zum Schwimmen haben werden, wenn es Bade-Wetter gibt – und dennoch kaufen sie sich eine Saisonkarte für das Freibad;
  • ein ebenso interessantes wie populäres (und im Zusammen- hang mit der obigen Studie vielleicht besonders aussage- kräftiges) Beispiel ist der All Inclusive-Urlaub: So beschreibt Uli Frank sehr detailliert seine Beobachtungen im All Inclusive-Urlaub in Spanien, denen zufolge All-inclusive- Urlauber während ihres Urlaubs eben gerade nicht darauf achten, ob die Kosten-Nutzen-Relation stimmt.

Die Unvollkommenheit des Herrn Ö. und seiner Jünger

Diese Aufzählung liese sich sicherlich noch weiter fortsetzen. Statt dessen möchte ich auf das letzte Beispiel, den „All Inclusive-Urlaub“, noch etwas näher eingehen. Denn das Beispiel „All Inclusive“ zeigt meiner Meinung nach besonders deutlich, dass es im Falle mancher Vertragsabschlüsse schlicht nicht um die Frage geht, ob man günstiger dabei wegkäme, wenn man jede Mahlzeit und jedes Getränk (oder eben jeden Besuch im Fitnessstudio) einzeln bezahlen würde. Es geht in vielen Fällen um etwas ganz anderes: Nämlich um den Wunsch nach Freiheit – nach Wahlfreiheit. Um den Wunsch, für eine gewisse Zeit (oder wenigstens bei bestimmten Freizeitaktivitäten) einen Freiraum zu schaffen, der sich dem ansonsten allgegenwärtigen Diktat der ökonomischen Rationalität – und damit der Frage nach dem Preis-Leistungs-Verhältnis, nach dem Grenznutzen einer Sache, oder nach den Oportunitätskosten usw. - entzieht. Diese Wahlfreiheit ist den Menschen allem Anschein nach einiges Wert. Sie lassen es sich daher – entgegen jeder ökonomischen Vernunft – einiges kosten, um wenigstens für eine begrenzte Zeit oder bei bestimmten Freizeitaktivitäten in den Genuß dieser Freiheit zu kommen.

Diese Wahlfreiheit auszukosten bedeutet dann aber eben nicht nur, zu essen und zu trinken (oder eben: zu trainieren) so viel man kann, sondern auch wann immer man möchte - was konsequenter Weise beinhaltet, dass man sich den Luxus gönnt, nicht zu essen, zu trinken oder zu trainieren, wenn man dies nicht wirklich möchte (ungeachtet dessen, was die ökonomische Vernunft gebietet!!).

Dieser Wunsch nach Wahlfreiheit scheint kein Platz zu haben im Akteurskonzept des Homo oeconomicus, obwohl dieser Wunsch allgegenwärtig und sicher schon so alt ist wie die Menschheit selbst. Das ist auch weiter nicht schlimm, solang es allen klar ist,

  • dass es sich beim Homo oeconomicus nur um ein Akteurskonzept handelt, das allenfalls ein gewisses heuristisches Potential besitzt;
  • dass im Akteurskonzept des Homo oeconomicus zum Zwecke des wissenschaftlichen Erkenntnisgewinns nur ein Teil des Spektrums menschlicher Wertvorstellungen, Motive und Präferenzen hervorgehoben werden, während andere ausgeblendet bzw. ignoriert werden.

Wie nicht zuletzt der Artikel von Claus Tigges zeigt, scheinen jedoch immer weniger Ökonomen Willens oder intellektuell in der Lage zu sein, dies entsprechend zu reflektieren. Streng genommen ist daher in vielen Fällen die Bezeichnung Wirtschaftswissenschaftler ein Etikettenschwindel – zutreffender wäre immer häufiger „Wirtschaftsideologe“.

Fußnoten

[1]
Tigges, Claus (2006): Warum bin ich nur so irrational? Fitnessbesucher ahnen es: Sie überschätzen ihren Willen und bezahlen zu viel Geld. In: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung Nr 27 vom 9. Juli 2006, Seite 36

[2]
Zu diesem Schluß muß man zumindest kommen, wenn man den großen Fremdwörter-Duden nach der Bedeutung des Wortes „Ideal“ befragt:

  1. jemanden oder etwas. als Verkörperung von etwas Vollkommenem; Idealbild
  2. als eine Art höchster Wert erkanntes Ziel; Idee, nach deren Verwirklichung man strebt.

[3]
Della Vigna, Stefano/ Malmendier, Ulrike (2006): Paying not to go to the Gym. In: The American Economic Review, June 2006, S. 694-719

[4]
Eine Variante dieser Erklärung ist der Versuch von Fitnessstudio-Besuchern, sich mit einem solchen Vertrag selbst zum häufigeren Besuch im Fitnessstudio zu zwingen – ganz nach dem Motto: Jetzt habe ich dafür bezahlt, dann muss ich auch brav hingehen und trainieren...


0 Kommentare




 

Autor


Die letzten Kommentare


19.12.09 19:51 Uhr - Cletis_Tout

Schön geschrieben! Recht hast du... Da sieht man, dass man mitt ein bisschen Rhetorik und... » weiter


26.01.08 20:00 Uhr - Eissler

Ob in der Blogsphäre mit zu viel Selbstreferenz diskutiert wird, ist eine interessante Frage. Zum... » weiter


26.01.08 19:56 Uhr - Korrupt

Schoen umgekehrt :) Und nun muss ich aufpassen, dass ich nicht in dieselbe Falle tappe, in der ich... » weiter


24.01.08 02:14 Uhr - Eissler

Kurzer Nachtrag: Im Weblog "Spiegelkritik.de" findet sich auch ein Artikel zu dieser... » weiter


24.01.08 02:10 Uhr - Eissler

Kurzer Nachtrag zu dem Artikel: Im Weblog "Spiegelkritik.de" findet sich auch ein Artikel... » weiter


 | Kontakt | Impressum

Login



» Passwort/PLAK vergessen?
(via partykel)

» Jetzt registrieren (via partykel)