DER SPIEGEL: beschränkt online
SPIEGELonline gehört seit jeher zu den Seiten im Netz, die ich beinahe täglich aufsuche. Dieses Surfverhalten spiegelte sich lange Zeit in den Links wieder, die meine Texte (Weblogeinträge, Lexikon-Artikel und sonstiges Geschreibsel) enthielten, denn ein beträchtlicher Teil dieser Links führte bislang auf die Seiten von SPIEGELonline.
Bislang!
Denn irgendwann habe ich dann festgestellt, dass SPIEGELonline-Artikel, auf die ich verlinkt habe, nach einer gewissen Zeit nur noch gegen Bezahlung zugänglich sind. Da jedoch das Thema open access ein zentrales Anliegen von mir ist, war ich über diese Entdeckung natürlich alles andere als erfreut! Blieb allerdings die Frage: was kann man dagegen tun!?
Während ich so vor dem Computer saß und über diese Frage nachdachte, wurde mir irgendwann klar, dass dieses ärgerliche Geschäftsgebaren keinesfalls zu einem politischen Thema gemacht werden muss, vielmehr handelt es sich hierbei um eine Frage, die alleine durch zivilgesellschaftliches Engagement der Netizen (der aktiven "Netz-Bürger" gewissermaßen) und durch freien Wettbewerb zugunsten von open access entschieden werden kann.
Zu dieser Überzeugung kam ich, nachdem mir erstens klar wurde, welche Konsequenzen ich persönlich aus diesem Geschäftsgebaren ziehen werde, und mir zweitens bewusst wurde, dass diese Konsequenzen gar nicht mal so sehr ideologisch motiviert sind, sondern profanem Pragmatismus entspringen:
Denn es macht für mich überhaupt keinen Sinn mehr, auf Artikel von SPIEGELonline zu verlinken, wenn ich mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit davon ausgehen muss, dass diese Artikel früher oder später nur noch gegen Bezahlung gelesen werden können. Die Gründe dafür sind recht einfach: Einerseits empfinde ich es selber immer wieder als großes Ärgernis, wenn ich als Leser feststellen muss, dass ein Link entweder ins Leere oder aber zu einem kostenpflichtigen Artikel führt. Beides möchte ich daher den Lesern meiner Texte ersparen, sofern mir dies möglich ist. Andererseits habe ich aber weder die Zeit noch Lust dazu, Links ständig daraufhin zu überprüfen, ob sie noch zum ursprünglichen Zielobjekt führen. Daher wird mir gar nichts anderes übrig bleiben, als mich nach alternativen Informationsquellen im Netz umzuschauen, auf die ich meine Leser ruhigen Gewissens verweisen kann.
Die Tatsache alleine, dass ich diese Konsequenzen ziehe, wird den Lauf der Dinge zugegebenermaßen kaum beeinflussen können. Wenn nun aber auch andere aktive (das heißt: schreibende) Internet-Nutzer die gleichen Konsequenzen ziehen – was doch sehr wahrscheinlich ist -, dann bedeutet dies dreierlei:
Erstens, dass in Zukunft weniger Links von anderen Internetseiten aus auf SPIEGELonline verweisen und damit die Relevanz dieser Seite relativ zur Relevanz anderer Seiten im Netz sinkt. Anders gesagt: SPIEGELonline koppelt sich sukzessive von den Kommunikationszusammenhängen ab, die im Internet durch das fortwährende setzen von Links (re-)produziert werden.
Dies bedeutet aber auch zweitens, dass sich gerade aufgrund eines solchen Geschäftsgebarens, wie das von SPIEGELonline, für alternative Informationsanbieter die Chance eröffnet, mehr Links und damit mehr Leser auf sich zu ziehen - vorausgesetzt sie können vergleichbare Inhalte offen zugänglich anbieten.
Diese beiden Punkte fallen – drittens – um so mehr ins Gewicht, je größer die Zahl der Internetnutzer ist, die in in ihren Weblogs das betreiben, was ich als "Para-Journalismus" bezeichnen möchte: Die also (...so wie ich hier...) zwar von Berufs wegen keine Journalisten sind, die aber dennoch mehr oder weniger regelmäßig von ihrem Recht Gebrauch machen, Ereignisse sowie die Medienberichte über diese Ereignisse öffentlich zu analysieren und zu kommentieren. Denn diese aktiven Internetnutzer sind wichtige Multiplikatoren, da sie Nachrichten und Kommentare anderer Internetseiten kommentieren und dabei häufig auch auf diese verlinken. Auf diese Weise entscheiden sie mit darüber, welche Internetseiten "im Gespräch" sind und welche nicht, was Aufmerksamkeit erregt und was nicht.
Damit entscheiden also wir - die freien Internetnutzer - zu einem großen Teil selbst darüber, wie erfolgreich diese Geschäftspolitik von SPIEGELonline und Konsorten in Zukunft sein wird. Deren Erflog hängt also letztlich davon ab, wie jeder von uns für sich selbst die Frage beantwortet, was wir sein wollen – brave Verwertungsuntertanen oder freie Wissens-Bürger?
Die letzten Kommentare
Schön geschrieben! Recht hast du... Da sieht man, dass man mitt ein bisschen Rhetorik und... » weiter
Ob in der Blogsphäre mit zu viel Selbstreferenz diskutiert wird, ist eine interessante Frage. Zum... » weiter
Schoen umgekehrt :) Und nun muss ich aufpassen, dass ich nicht in dieselbe Falle tappe, in der ich... » weiter
Kurzer Nachtrag: Im Weblog "Spiegelkritik.de" findet sich auch ein Artikel zu dieser... » weiter


