Die alten Männer und das Web
Prolog
Wie die Royal Society vor geraumer Zeit bekannt gab, fürchten sie, dass das umfassende Publizieren wissenschaftlicher Ergebnisse im Internet zu einem Verlust wissenschaftlicher Zeitschriften führen könnte. Weiter heißt es in einer Meldung auf heise.de, diese alt-ehrwürdige Institution befürchte, dass dadurch der Wissensaustausch zwischen Forschern und Gesellschaft gefährdet sei.
Was den kundigen Leser an dieser Meldung sicherlich in Erstaunen versetzt, ist das offensichtliche Ausmaß an Ignoranz, das die britische Wissenschaftsakademie damit zur Schau stellt. Damit dürften die Damen und Herren dieses weisen Gremiums tatsächlich in die Geschichte eingehen – Seite an Seite mit anderen historischen Geistesgrößen...
Um diese Einschätzung näher zu erläutern, muss ich zunächst etwas weiter in der Geschichte ausholen:
deep social Impact: die drei wichtigsten Innovationen für die gesellschaftliche Entwicklung
Wenn die Erfindungen im Bereich digitaler IKT (Informations- und Kommunikationstechnologien) heute ständig und überall mit den bahnbrechenden Erfindungen der frühen industriellen Revolution verglichen werden (wie beispielsweise Manuel Castells nicht müde wird dies zu tun), dann vor allem mit dem Ziel, auf diese Weise die Tragweite der Veränderungen deutlich zu machen, die mit den digitalen IKT einhergehen. Allerdings zeugt dieser Vergleich im Grunde vor allem vom völligen Unvermögen seiner Urheber, die tatsächliche Tragweite und soziale Tiefenwirkung dieser jüngsten Medienrevolution erfassen und verstehen zu können.
Ohne die gesellschaftsverändernde Wirkung von Erfindungen wie die der Dampfmaschine, des Verbrennungsmotors, oder anderer Erfindungen der industriellen Revolution kleinreden zu wollen – aber das gesellschaftsverändernde Potential der Erfindungen im Bereich digitaler IKT ist von einer ganz anderen Qualität. Um diese Qualität fassen zu können ist es hilfreich, zunächst einmal einen Schritt zurück zu treten, um ganz andere historische Dimensionen gesellschaftlicher Entwicklung in den Blick nehmen zu können. Denn dann rücken diejenigen Innovationen überhaupt erst ins Blickfeld, die einem Vergleich mit den Erfindungen im Bereich digitaler IKT wirklich standhalten können: Geht es um gesellschaftlichen Fortschritt im Sinne von Aufklärung und Modernisierung, ohne den unsere heutige Zivilisation nicht denkbar wäre, dann sind es vor allem die folgenden drei Basisinnovationen, die die Bezeichnung "bahnbrechend" und „revolutionär" wirklich verdienen:
- die Erfindung der Schrift (insbesondere der phonetischen Schrift),
- die Erfindung des Buchdrucks, sowie
- die Erfindung des Computers und seiner digitalen Vernetzung.
Gerade weil diese drei Baisinnovationen als die grundlegendsten Bedingungen der Möglichkeit von gesellschaftlichem Wandel im Sinne von technischem, ökonomischem und zivilisatorischem Fortschritt gesehen werden müssen, erscheint uns aus heutiger Sicht die Kritik, die von manchen der damaligen Zeitgenossen an den noch jungen Erfindungen der phonetischen Schrift und später des Buchdrucks geübt wurde, bisweilen geradezu grotesk.
Als Anekdoten werden diese kritischen Äußerungen aus längst vergangenen Zeiten heute vor allem deshalb immer wieder gerne kolportiert, weil sie zumeist von Vertretern der intellektuellen Elite der jeweiligen Zeit stammen. Hier kurz einige Kostproben:
Die Erfindung der phonetischen Schrift
Kritik
Die früheste überlieferte Kritik an der Erfindung der phonetischen Schrift stammt aus dem antiken Griechenland – und zwar von keinem geringeren als Platon selbst. Dazu schreibt Heinz Schlaffer (1996:10):
Platon, der die Dialoge seines nur mündlich lehrenden Meisters Sokrates im Buch aufbewahrte, lieferte eine erste Kritik dieses Mediums und damit eine erste Theorie über die Folgen der Schriftkultur. Im Phaidros[1] trägt Platons Sokrates vier Einwände gegen die Schrift vor: 1. sie schwäche das Gedächtnis, weil es sich auf eine äußere Stütze 'vermittels fremder Zeichen' verlasse; 2. sie biete nur einen stummen Text (‚Du könntest glauben, sie [die Schriften] sprächen, als verstünden sie etwas, fragst du sie aber lernbegierig über das Gesagte, so enthalten sie doch nur ein und dasselbe stets'), beraubt also den Leser der Möglichkeit – die er als Hörer von Gesprochenen hätte -, sich den Sinn des Geschriebenen erläutern zu lassen; 3. sie sei – anders als die mündliche Rede – nicht auf einen mit Bedacht ausgewählten Kreis von Adressaten einzugrenzen, sondern schweife ‚unter denen umher, die sie verstehen, und unter denen, für die sie sich nicht gehört'; 4. ‚in einer geschriebenen Rede über jeden Gegenstand' sei ‚vieles notwendig nur Spiel', weil ihr Autor nicht anwesend sei und er deshalb nicht mit dem Ernst seiner ganzen Person für die vorgebrachte Lehre einstehe.
Besonders hervorheben möchte ich den 3. Punkt, in dem letztlich der Verlust der Kontrolle über die Verbreitung medialer Inhalte beklagt wird...
Gegendarstellung: die phonetische Schrift - Grundlage gesellschaftlicher Entwicklung
Dieser Kritik Platons lässt sich aus heutiger Sicht u.a. folgendes entgegenhalten:
Sobald die Schrift Aufgaben übernommen hat, die vorher dem Gedächtnis aufgebürdet waren, konnten sich die frei gewordenen intellektuellen Energien jenem konzeptuellen Denken zuwenden, aus dem griechische Philosophie und Wissenschaft hervorging. Formales logisches Denken kann nicht ohne Schrift entstehen, es ist dem Vorgang des Schreibens selbst immanent. [...] Die Idee der Machbarkeit, die seit dem 5. Jahrhundert v. Chr. die griechischen Intellektuellen, Politiker und Ingenieure erfasste, wäre ohne die Erfahrung der alphabetischen Schrift kaum denkbar gewesen. Denn sie gestattet es, losgelöst von den konkreten Lebenszusammen- hängen, neue Konzepte zu fassen, sie mit logischer Stringenz niederzuschreiben und – falls die Mitwelt sie nicht verstehen und akzeptieren wollte – dem Urteil der Nachwelt zu überantworten. [...] Entsprechend ändert sich beim Übergang von der Mündlichkeit zur Schriftlichkeit der soziale Charakter des Wissens: in den oralen Kulturen wird es von den Alten repräsentiert, deren Weisheit aus der langen Vertrautheit mit den Traditionen stammt; in einer fortgeschrittenen literalen Kultur sind es dagegen die unvorhersehbaren Ideen der Jüngeren, die die hergebrachten Wissensbestände revolutionieren (Schlaffer 1996:19ff).
Der Buchdruck
ein paar Worte vorweg
Es ist leicht einzusehen, dass es für eine Gesellschaft und ihre Entwicklungsmöglichkeit einen großen Unterschied macht, ob ihr eine Schrift oder ob ihr keine Schrift zur Verfügung steht (zumal dann, wenn es sich dabei um eine ebenso einfache wie "mächtige" Technologie wie die phonetische Schrift handelt). Viel weniger offensichtlich ist für viele der Unterschied, den die Technologie der Typographie gegenüber der Skriptographie bewirken kann. In diesem Weblogeintrag ist leider nicht der Platz, um in der gebührenden Ausführlichkeit auf diese Unterschiede und auf das daraus resultierende enorme gesellschafts- verändernde Potential des Buchdrucks einzugehen. Nur so viel: der Unterschied ist kaum zu überschätzen! Vor allem Elisabeth Eisenstein (1997) geht im ersten Kapitel ihres Buches sehr ausführlich auf diesen Unterschied ein; auch bei Giesecke (1998:29ff) gewinnt man einen guten Eindruck davon.
Der Zugang zu Informationen in der skriptographischen Gesellschaft: access denied
Bücher waren in der skriptographischen Gesellschaft eine äußerst seltene Kostbarkeit, denn die Herstellung eines Exemplars erforderte neben einer guten Ausbildung und viel Übung vor allem auch sehr viel Zeit. Alle drei Voraussetzungen waren in ausreichendem Maße nur in Klöstern gegeben, weshalb Bücher im in europäischen skriptographischen Gesellschaften fast ausschließlich in Klöstern produziert und aufbewahrt wurden. Damit war die Kirche der allgemein anerkannte Hort kodifizierten Wissens. Die kirchlichen Institutionen entschieden letztlich auch darüber, wer Zugang zu welchen Informationen haben durfte:
Im Normalfall entschieden die mittelalterlichen Institutionen souverän darüber, wer welche Schriften in die Hand bekam und wer nicht. Wer kein Mitglied der entsprechenden Sozialsysteme war, blieb von vielen Informationen, den schriftlich gespeicherten zumal, ausgeschlossen. Im Innern der Institutionen regelte die Stellung in der Hierarchie, das Amt, den Zugang zu den Informationen. Ein Wechsel innerhalb der Hierarchie, zum Beispiel eine höhere Weihe, eröffnete neue Informationsquellen (Giesecke 1998:364).
Verhindert wurde der allgemeine Zugang zu Informationen weiterhin dadurch, dass Bücher fast ausschließlich in griechischer und lateinischer Sprache geschrieben wurden und damit dem "gemeyn man" auch inhaltlich nicht zugänglich waren. Diese Monopolstellung und die damit einhergehende weit reichende Kontrolle über die Produktion und Distribution von kodifiziertem Wissen verlor die römische Kirche erst mit der Durchsetzung des Buchdrucks.
Kritik
Aus diesem Verlust an Kontrolle erwuchs dementsprechend auch einer der zentralen Kritikpunkte, der sich die neue IKT (also der Buchdruck) und ihrer Verfechter ausgesetzt sahen. Dabei hing der Kontrollverlust mit drei Entwicklungstendenzen zusammen, die durch den Buckdruck befördert wurden:
(1) Die Zahl der Bücherautoren stieg sprunghaft an; damit ließ sich der Kreis der potentiellen Bücherautoren immer weniger durch die Instanzen der Obrigkeit kontrollieren – und damit auch die Inhalte, die in Büchern veröffentlicht wurden.
(2) hatten Bücher im skriptographischen Zeitalter allenfalls eine Auflage in niedriger zweistelliger Höhe, so stiegen die Auflagen durch den Buchdruck in (für damalige Verhältnisse) astronomische Höhen. War ein Werk erst einmal gedruckt, dann ließ sich seine Verbreitung im Nachhinein kaum noch effektiv unterbinden.
(3) Um mit den Druckerzeugnissen Zugang zu einem möglichst großen Leserkreis zu erhalten, begannen die Verleger in der Sprache des einfachen Volkes zu publizieren. Womit eine effektive Kontrolle des Zugangs zu Informationen vollends unmöglich wurde.
In Bezug auf das wichtigste Buch der damaligen Zeit – die Bibel – sah daher die römische Kirche zu Recht ihr Deutungsmonopol in geistlichen Fragen (und damit indirekt auch in Bezug auf weltliche Fragen) gefährdet, wie in einem frühen kirchlichen Gutachten zum Druck deutschsprachiger Bibeln deutlich wird[2]:
Achtet darauf, dass ihr diesem Übel des Druckes von Büchern, die aus den heiligen Schriften in die Volkssprache übersetzt sind, vorsorglich entgegentretet, denn diese Übersetzung zielt, wie gesagt wurde, auf die Schwächung der kirchlichen Hierarchie, auf die schwere Gefährdung des orthodoxen Glaubens, auf die Verwirrung der heiligen Kirche, auf die Verdammnis der Seelen und endlich auf die Vernichtung gleicher Weise der weltlichen wie der geistlichen Ordnungen... In den Anfängen muss man aber Widerstand leisten, damit nicht durch Vermehrung der deutschsprachigen Bücher der Funke des Irrtums endlich sich zu einem großen Feuer entwickle (zit. in Giesecke 1998: 176ff).
Natürlich versuchte die Obrigkeit, durch Maßnahmen diesen Kontrollverlust zu korrigieren. Eine wichtige Maßnahme zur Wiedergewinnung der Kontrolle über die Produktion und Distribution von Informationen war die Zensur. Allerdings setzte die Obrigkeit dabei weitgehend auf die "Ziele und Konzepte, die für die Steuerung des skriptographischen Informationsflusses innerhalb der mittelalterlichen Institutionen entwickelt worden waren" (Giesecke 1998:466). Mit anderen Worten: Die politische und administrative Elite versuchte eine Informations- und Kommunikationstechnologie unter Kontrolle zu bekommen, deren Logik sie überhaupt nicht begriff! Ein Schelm, wer sich dabei an unsere heutige "Obrigkeit" erinnert fühlt... Aus heutiger Sicht muss man natürlich hinzufügen: Gott sei's gedankt, dass die Kontrollmaßnahmen nie in dem Maße griffen, wie es sich die politische und administrative Elite damals gewünscht hätte! Sonst befänden wir uns heute immer noch irgendwo zwischen Mittelalter und früher Aufklärung...
Um eine Vorstellung vom Ausmaß des Unverständnisses zu geben, das Teile der damaligen intellektuellen Elite der neuen IKT - dem Buchdruck - entgegenbrachte, soll hier noch mit Giesecke folgende Begebenheit zitiert werden:
Der uns heute so selbstverständliche Gedanke der (materiellen) Vervielfältigung [...] scheint für die Menschen im 15. Jahrhundert noch schwer fassbar gewesen zu sein. Noch 1485 werden alle Exemplare der ersten Ausgabe des Regensburger Messbuches von mehreren Geistlichen einzeln mit der Druckvorlage verglichen. ‚Es ergab sich' in jener Zeit noch ‚wie durch ein Wunder Gottes, dass in den Buchstaben, Silben, Wörtern, Sätzen, Punkten, Abschnitten und anderem, was dazu gehört, der Druck bei allen Exemplaren und in jeder Hinsicht mit den Vorlagen ... unseres Domes übereinstimmte. Dafür danken wir Gott.' Auch die 400 Exemplare eines Freisinger Messbuches wurden 1487 kostenaufwendig von mehreren Personen durchgesehen. 'Man hat', so resümiert Ferdinand Geldner, 'offenbar 1487 in Freising noch nicht erkannt, dass man nur ein Exemplar hätte genau durchsehen müssen, um dann die wenigen Korrekturen mechanisch auch in die übrigen Exemplare zu übertragen' (Giesecke 1998:145).
Gegendarstellung
Hier möchte ich zunächst jemanden zu Wort kommen lassen, der die Veränderungen noch selbst erleben konnte, die die neue IKT für die Menschen im 16. Jahrhundert bewirkten. Dabei kommt in diesem Zitat eine ähnliche Euphorie hinsichtlich der befreienden Wirkung der damals neuen Informations- und Kommunikationstechnologie zum Ausdruck, wie wir sie derzeit im Zusammenhang mit dem Internet und Social Software immer wieder erleben... In einem 1604 geschriebenen Werk bemerkt kein geringerer als Johannes Kepler[3] rückblickend:
Nach der Geburt der Typographie wurden Bücher zum Gemeingut, von nun an warf sich überall in Europa alles auf das Studium der Literatur, nun wurden so viele Universitäten gegründet, erstanden plötzlich so viele Gelehrte, dass bald diejenigen, die die Barbarei beibehalten wollten, alles Ansehen verloren. [...] Von Schriftstellern aber in allen Fakultäten wird besonders nach dem Jahr 1563 Jahr für Jahr eine größere Zahl gedruckt als es in den 1000 Jahren davor überhaupt gegeben hatte. Durch sie ist heute eine neue Theologie entstanden, eine neue Jurisprudenz, und die Paracelsisten haben die Medizin, die Kopernikaner die Astronomie erneuert.
Zwischenfazit
Interessant an der Kritik, die zu allen Zeiten an der jeweils aktuell neuen IKT geübt wurde, ist, dass sie als reine Feststellungen meist gar nicht mal so falsch war - allerdings bewerten wir diese Feststellungen heute völlig anders, als dies Teile der zeitgenössischen intellektuellen Elite zur Zeit der Einführung und Durchsetzung einer neuen IKT jeweils tat: Was damals Anlass zu großer Sorge und vehementer Kritik gab, stellt für uns heute rückblickend eine Errungenschaft dar, die als Bedingung der Möglichkeit gesellschaftlichen Fortschritts betrachtet werden kann. Gerade darin liegt das tragisch-komische an dieser Kritik, zu der sich Teile der intellektuellen Elite berufen fühlte, wann immer sich eine neue Informations- und Kommunikations- technologie durchzusetzen begann:
Denn, ja, natürlich verringerte sich durch die Schrift (...zumal durch die phonetische...) die Notwendigkeit, riesige Mengen von Fakten im Gedächtnis zu speichern, da hierfür nun ein externer Speicher zur Verfügung stand. Andererseits war gerade auch dies eine Bedingung der Möglichkeit dafür, dass sich das menschliche Denken neuen Aufgaben zuwenden konnte, weshalb die Schrift ein entscheidender Katalysator für die Entwicklung der Philosophie und der Mathematik wurde. Und, ja, natürlich ließ sich nach der Einführung der phonetischen Schrift der Kreis jener nur schwer kontrollieren, die Zugang zu niedergeschriebenen Informationen hatten, denn Geschriebenes überdauerte zumeist jene, die über den Zugang zum Geschriebenen wachten. Andererseits war aber gerade dies ein erster kleiner Schritt hin zu open access und damit ein erster Katalysator für die Produktion und Diffusion von neuem Wissen – mit anderen Worten: für Subversion und Innovation. Denn nun ließen sich neue Gedanken, Ideen und Konzepte von konservativen Interessen wesentlich schwerer kontrollieren und eindämmen.
Und, ja, natürlich würde heue kaum jemand ernsthaft bestreiten wollen, dass der Buchdruck ein wesentlicher Katalysator für den Machtverlust der römischen Kirche und für den Zerfall der "alten weltlichen und geistlichen Ordnung" darstellte. Gott sei Dank! kann man da nur hinzufügen. Denn nicht zuletzt auch deshalb war der Buchdruck eine grundlegende Bedingung für die Möglichkeit der Aufklärung, des Humanismus und der modernen Wissenschaft – und zwar gerade überall dort, wo sich der Gebrauch dieses Mediums nicht durch die Hüter des Status Quo mittels Zensur völlig domestizieren ließ; überall dort also, wo auch ein unkonventioneller oder gar subversiver Gebrauch dieses Mediums möglich blieb.
Damit drängt sich die Vermutung auf, dass es auch in aktuellen Diskussionen um moderne digitale IKT nur in zweiter Linie um die Frage geht, ob die Verteidiger des Status Quo mit ihren "Feststellungen" hinsichtlich der gesellschaftlichen Folgen digitaler IKT richtig liegen oder nicht. Viel wichtiger scheint, wie diese "Feststellungen" im Hinblick auf die weitere gesellschaftliche Entwicklung zu Bewerten sind.
Zurück in die Gegenwart
Genau so verhält es sich meiner Meinung nach auch im Falle der jüngsten Äußerungen der Royal Society zum wissenschaftlichen Publizieren im Internet. Mit einer Einschränkung, die deren Äußerung allenfalls noch armseliger erscheinen lässt: Es ist noch nicht einmal eine Feststellung, sondern lediglich eine äußerst zweifelhafte Vermutung, dass das umfassende Publizieren im Internet zu einem Verlust an wissenschaftlichen Zeitschriften führt. Und zu behaupten, dass diese Entwicklung - wenn sie denn zutreffen sollte - den Wissensaustausch zwischen Forschern und Gesellschaft gefährden könnte, zeugt meiner Meinung nach nicht nur von einem beachtlichen Maß an Ignoranz, sondern auch davon, dass diese alt-ehrwürdige wissenschaftliche Akademie entweder (a) den Kontakt zur Gesellschaft und ganz allgemein zur Realität verloren hat, oder aber (b) Sprachrohr solcher gesellschaftlicher Interessen ist, denen wesentlich mehr an der Wahrung lieb gewonnener Pfründe und Privilegien gelegen ist, als am Projekt der Aufklärung[4].
Print vs. Internet: plumper Dualismus ohne Aussagekraft
Um in der Gegenwart sinnvolle Aussagen über die Bedingungen der Möglichkeit eines effektiven Informationsaustauschs zwischen Wissenschaft und Gesellschaft machen zu können, taugt der plumpe Dualismus traditionelle Printmedien vs. e-publishing/Internet nicht. Vielmehr sollte man zunächst weiter differenzieren zwischen
- den technischen Rahmenbedingungen
- Papier/traditionelle Typographie einerseits und
- digitale IKT (e-publishing im Internet) andererseits
- den institutionellen Rahmenbedingungen, worunter unter anderem die rechtlichen Rahmenbedingungen fallen:
- rigider urheberrechtlicher Schutz einerseits (technisch unterfüttert mit einem effektiven Digital Rights Management)
- open access
traditionelle Typographie <=> Papierveröffentlichung
Verdrängt man einfach mal nicht die Tatsache, dass
- die Menge an Daten/ Informationen, die unsere Gesellschaft im Internetzeitalter produziert, exponentiell wächst;
- auch die Anzahl der wissenschaftlichen Veröffentlichungen nahezu exponentiell wächst[5]
dann wird schnell klar, dass wir mit traditionellen Papier- veröffentlichungen früher oder später an die verschiedensten Kapazitätsgrenzen stoßen. Vermutlich aber passiert dies eher früher. Bei der Anzahl von gegenwärtig bis zu 200.000 weltweit periodisch erscheinenden wissenschaftlichen Zeitschriften (davon gingen Marx und Gramm 2002 aus) dürften sich nur noch die reichsten Organisationen in den reichsten Gesellschaften dieser Welt (...und damit eine relativ kleine Elite...) zumindest theoretisch den Luxus leisten können, ihren Wissenschaftlern ein annäherungsweise lückenloses Angebot aller Printausgaben wissenschaftlicher Journale zu gewährleisten. Der Rest der Wissenschaftler sowie der Großteil der Weltbevölkerung bliebe aber außen vor... Damit wären wir auch schon bei einem Punkt, der für die Gewährleistung eines effektiven Informations- austauschs zwischen Forschern sowie zwischen Forschern und Gesellschaft wirklich entscheidend ist: Die Frage des Zugangs zu wissenschaftlichen Inhalten.
institutionelle Rahmenbedingungen: Digital Rights Management vs. open access
Die Frage ist also nicht, ob wir im Internet veröffentlichen sollten oder nicht, sondern wie wir im Internet veröffentlichen sollten, um einen möglichst effektiven und effizienten Informationsaustausch zwischen Wissenschaftlern sowie zwischen Wissenschaftlern und Gesellschaft zu ermöglichen: Was sind die institutionellen Rahmenbedingungen für wissenschaftliches Publizieren im digitalen Zeitalter? Was setzt sich in der Tendenz durch - Digital Rights Management oder open acces?
In den letzten Jahren sorgten steigende Preise bei wissenschaftlichen Zeitschriften dafür, dass selbst innerhalb der Wissenschaft der Wissensaustausch vermittels Zeitschriften immer weniger gewährleistet wird, da Universitätsbibliotheken finanziell nicht in der Lage sind, auch nur den größten Teil der regelmäßig erscheinenden Wissenschafts- Journale zu abonnieren. Die großen Wissenschafts- Verlage bieten zwar inzwischen den Universitäten an, dass diese zu gerade noch erschwinglichen Konditionen auf ein Großteil ihres digitalisierten Zeitschriftenbestandes zugreifen können, allerdings ist dies dann immer nur von einem Internetzugang des jeweiligen Uni-Netzes aus möglich. Damit bliebt aber allen außerhalb des Universitätsnetzwerks der Zugang zu den wissenschaftlichen Publikationen verwehrt. Mit anderen Worten: Gerade weil so viel in kostenpflichtigen wissenschaftlichen Journalen publiziert wird, wird der Rest der Gesellschaft immer stärker vom direkten Zugang zu wissenschaftlichen Informationen ausgeschlossen.
[ Ganz nebenbei bemerkt: Wie unglaublich skandalös diese Tatsache ist, wird deutlich, wenn man sich folgendes vor Augen führt: (1) Die Gesellschaft finanziert durch Steuergelder Forschung (und damit auch die Produktion wissenschaftlicher Informationen); (2) anschließend bezahlt die Gesellschaft noch einmal dafür, dass sie Zugang zu den wissenschaftlichen Informationen bekommt, für deren Produktion sie ja eigentlich schon bezahlt hat - nur um dann (3) trotzdem immer seltener auf diese Ergebnisse, für die sie bereits doppelt bezahlt hat, zugreifen zu können. Gab es in der Geschichte der Menschheit jemals eine ähnliche Absurdität? ]
Wenn man sich nun auch noch vor Augen hält, dass es sich selbst die Universitätsbibliotheken in den wohlhabenden westlichen Gesellschaften nicht mehr leisten können, alle kostenpflichtigen wissenschaftlichen Journale zu abonnieren, wie sollen sich dies dann ärmere Gesellschaften jemals leisten können?[6]
Als normalsterblicher Internet-Nutzer stößt man bisweilen auf wissenschaftliche Aufsätze in kostenpflichtigen Zeitschriften, für die man 25.- US$ bezahlen muss, wenn man sie lesen möchte. Wenn man nun bedenkt, dass der weitaus größte Teil der Weltbevölkerung weniger als 25.- US$ pro Tag verdient, dann bekommt man eine Ahnung davon, was für ein unerschwinglicher Luxus die Lektüre eines herkömmlichen kostenpflichtigen Wissenschafts-Journals für die überwiegende Mehrheit der Weltbevölkerung darstellt. Vor diesem Hintergrund nun davon zu sprechen, dass das offene wissenschaftliche Publizieren wissenschaftlicher Ergebnisse im Internet den Wissensaustausch zwischen Wissenschaft und Gesellschaft gefährde, ist gelinde ausgedrückt peinlich und beschämend.
Es sollte eigentlich nicht extra betont werden müssen, dass nicht nur einer kleinen Elite in den westlichen Industrieländern das Recht auf freien Zugang zu wissenschaftlichen Informationen zusteht - leider scheint sich diese Einsicht bei den Damen und Herren der Royal Society noch nicht durchgesetzt zu haben... Dies ist umso peinlicher und beschämender, als viele Generationen in langen Auseinandersetzungen mit der Kirche und der weltlichen Obrigkeit hart für ein Freiheitsrecht mit universalem Geltungsanspruch gekämpft haben: Für die Meinungsfreiheit im Allgemeinen und die 'Freiheit der Wissenschaft' im Besonderen. Die Freiheit der Wissenschaft ist jedoch nur in dem Maße gewährleistet, wie es einen offenen Zugang zu Information und einen ungehinderten Austausch von Information geben kann. Das Internet bietet hierfür eine historisch noch nie da gewesene Chance. Ob wir diese Chance auch tatsächlich nutzen werden, hängt vor allem davon ab, ob sich open access im Bereich Wissenschaft und Bildung durchsetzen kann.
Weil aber Macht und Privilegien einer gesellschaftlichen Elite immer auch auf den exklusiven Zugangsrechten zu Informationen gründen, stößt der offene Zugang zu Informationen heute wie in allen früheren Zeiten immer auch auf Skepsis und auf den Widerstand jener, die vom Status Quo besonders profitieren. An Argumenten zur Verteidigung des Status Quo gegen die Nutzung einer neuen Informations- und Kommunikationstechnologie war diese Elite nie verlegen. So auch heute.
Fußnoten
[1]
274c – 278b (Übersetzung von Friedrich Schleiermacher); ähnliche Bedenken finden sich in Platons 7. Brief (341b – 344d). Vgl. die Diskussion dieser Passage aus dem Phaidros durch Goody und Watt (in diesem Bd., S 78-81), Kavelock, Preface to Plato, sowie Thomas Alexander Szlezák, Platon und die Schriftlichkeit der Philosophie (Berlin 1985).
[2]
Zitiert nach der Paraphrasierung von Ferdinand Geldner. In: Gutenberg-Jahrbuch 1972, S. 86-89
[3]
Das Zitat von Johannes Kepler stammt aus: Giesecke, Michael (1998:154ff), einem Buch, das ich jedem nur wärmstens ans Herz legen kann.
Das Werk, aus dem Giesecke hier zitiert, ist De stella nova, Frankfurt/Prag 1606, in: Kepler: Gesammelte Werke, Band I, München 1938:329. Zitiert nach Friedrich Seck: Kepleriana. In: Gutenberg Jahrbuch 1971:235-241.
[4]
AUFKLÄRUNG ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit. Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Selbstverschuldet ist diese Unmündigkeit, wenn die Ursache derselben nicht am Mangel des Verstandes, sondern der Entschließung und des Mutes liegt, sich seiner ohne Leitung eines andern zu bedienen. Sapere aude! Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen! ist also der Wahlspruch der Aufklärung. (Kant 1784)
[5]
Vgl. dazu unter anbderem
- Werner Marx und Gerhard Gramm (2002): Literaturflut - Informationslawine - Wissensexplosion Wächst der Wissenschaft das Wissen über den Kopf?
- Wikipedia zum Stichwort Informationsexplision
[6]
"In den letzten etwa 10 Jahren haben sich die Preise für solche Zeitschriften im Durchschnitt verdreifacht - sie liegen heute zwischen $ 5 000 und $ 20 000 für das Jahresabonnement. Gleichzeitig hat sich die Zahl der relevanten Publikationen etwa verdreifacht. Für eine solide geführte Bibliothek läßt sich daraus eine Verzehnfachung des für die Anschaffung erforderlichen Budgets errechnen. Doch die Anschaffungsetas stagnieren, und in den Regalen breiten sich Lücken aus. Bibliothkare sprechen von einer "Journal-Crisis" (Wissenschaft an der Kette - Warum "intellectual property" nichts mit Intellekt zu tun hat von Michael Charlier).
Außerdem sei hier noch auf den folgenden Artikel von Duane Webster hingewiesen: EMERGING RESPONSES TO THE SCIENCE JOURNAL CRISIS
Literatur
- Eisenstein, Elisabeth L. (1997): Die Druckerpresse: Kulturrevolutionen im frühen modernen Europa. Springer-Verlag, Wien, N.Y.
- Giesecke, Michael (1998): Der Buchdruck in der frühen Neuzeit. Eine historische Fallstudie über die Durchsetzung neuer Informations- und Kommunikationstechnologien. Suhrkamp, Frankfurt a.M.
- Goody, Jack / Watt, Ian / Gough, Kathleen (1996): Entstehung und Folgen der Schriftkultur. Suhrkamp-Verlag, Frankfurt a.M
- Kant, Immanuel (1784): BEANTWORTUNG DER FRAGE: WAS IST AUFKLÄRUNG ? Berlinische Monatsschrift, Dezember-Heft 1784, S. 481-494
- Marx, Werner/ Gramm, Gerhard (2002): Literaturflut - Informationslawine - Wissensexplosion Wächst der Wissenschaft das Wissen über den Kopf?
- Schlaffer, Heinz (1996): Einleitung. In: Goody / Watt / Gough (1996), S. 7-23
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Schön geschrieben! Recht hast du... Da sieht man, dass man mitt ein bisschen Rhetorik und... » weiter
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Schoen umgekehrt :) Und nun muss ich aufpassen, dass ich nicht in dieselbe Falle tappe, in der ich... » weiter
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